Für viele Menschen ist es undenkbar, den Znünikaffee ohne einen Buttergipfel geniessen zu können. Woher kommen aber die tausenden von Gipfeli, die am Bestimmungsort in wenigen Minuten fertig gebacken werden? CLEVER UNTERWEGS hat das Geheimnis gelöst: mit dem Tiefkühllastwagen.
Es ist kurz vor fünf Uhr – wir treffen Frank Egger, Chauffeur bei der Galliker AG, Transport und Logistik im luzernischen Altishofen. Zielstrebig geht Frank auf «seinen» Lastwagen zu, das Kühlaggregat läuft bereits. Nach einem kurzen Check steigt er in die Kabine und nimmt den Stapel Lieferscheine, die bereitliegen. «Also wir fahren heute zuerst nach Winterthur, dann weiter in die Ostschweiz um die tiefgekühlten Backwaren – ein wenig Fleisch ist auch noch geladen – abzuliefern», meint er trocken, steckt die unterschriebene Fahrtenkontrollscheibe in das Gerät und startet den Motor.
Die Brote und Gipfel sind sogenannte Back-Halbwaren, das heisst ihre Form haben sie bereits, sie müssen nur noch aufgebacken werden. Sie wurden in der Grossbäckerei direkt auf dem Galliker-Areal vorgefertigt und in der Nacht in tief gekühltem Zustand in den Lastwagen verladen. «In diesem Zustand sind sie mehrere Monate haltbar, doch meistens darf ich bereits nach wenigen Tagen wieder die gleichen Kunden bedienen,» freut sich Frank, der seinen Job, den er seit neun Jahren bei Galliker ausübt, liebt.
Wir passieren den Gubrist-Tunnel, die 6-Uhr-Nachrichten werden verlesen, der Verkehr ist noch ruhig. In Winterthur-Töss verlassen wir die A1 und steuern den ersten von sechs Kunden an, ein grosser Coop-Markt. Es hat zu regnen begonnen. Trotzdem findet Frank die Rampe für Tiefkühlwaren sofort und beginnt mehrere Rollis mit den abgepackten Backwaren auszuladen.
Als nächstes ist eine Restaurantkette dran, dann ein Tankstellenshop, wieder ein Grossverteiler und schliesslich das Bistro einer Schule. Frank war noch nie dort, stellt den Lastwagen deshalb in eine Seitenstrasse und sucht zu Fuss den richtigen Eingang. Die Bistrochefin erklärt ihm, wo er ihr die bestellten Produkte hinbringen soll. Am Strassenrand öffnet Frank das Fahrzeugheck – ein kalter Dunst streicht über die Hubbühne. Er schnappt sich die vier bestellten Schachteln, stellt sie auf den Sackkarren, schliesst sorgfältig die Tür zum Tiefkühlraum und liefert die Waren aus. Wegen den Zeitvorgaben, von wann bis wann bei den einzelnen Empfängern abgeladen werden dürfe, durchquert Frank das Stadtzentrum mehrmals. Auf unsere entsprechende Frage klärt er so auf: «Der Kunde ist König, das heisst, auf dem Lieferschein ist auch eine Abladezeitspanne vermerkt. Das bedingt, dass ich nicht logisch und nur einmal durch die Stadt fahren kann, weil eine Coop-Filiale andere Öffnungszeiten hat als ein Grossmarkt, eine Tankstelle wieder andere als eine Schule oder ein Restaurant.
Bevor Frank Winterthur hinter sich lässt, ist eine letzte Coop-Filiale zu beliefern. Routiniert fährt Frank den Lastwagen rückwärts bis kurz vor die Rampe, steigt aus, öffnet die hinteren Türen, um dann bis an die dichtenden Wülste der Rampe zurückzusetzen. Wie gewohnt lädt er aus, als der Verantwortliche kommt und erklärt, dass ein Rolli nicht für ihn bestimmt sein könne, da diese Artikel im Sortiment gar nicht geführt würden. Tatsächlich ergibt eine Kontrolle, dass diese Lieferung falsch geladen wurde – sie wäre eigentlich für die Filiale Bachenbülach bestimmt. Frank ruft seinen Logistiker an, meldet den Vorfall und wartet den Bescheid ab, was mit der «falschen» Lieferung zu tun sei. Bis die Antwort kommt. Lenkt er den 320 PS starken Mercedes bei Ohringen auf die Autobahn in Richtung St. Gallen.
Es ist mittlerweile 8 Uhr 40, Frank fährt seinen Brummi auf eine Raststätte: «Jetzt muss ich 30 Minuten Pause machen – Vorschrift.» Nach einem Kaffee mit Gipfeli geht es weiter bis zur Ausfahrt Wil. Doch plötzlich beginnen die Fahrzeuge zu bremsen, Frank hat längst den Fuss vom Gaspedal genommen, den Warnblinker eingeschaltet und den Laster ausrollen lassen: Stau. Frank lässt einen angenehm grossen Zwischenraum zwischen dem vorderen Fahrzeug und dem Lastwagen, denn er weiss genau, dass die PW-Lenker «keine Ahnung» vom Gesetz haben. «Sonst würden sie nicht panikartig in die rechte Spur drängeln, obwohl sie das Recht hätten, in der linken Spur bis ganz vorn aufzuschliessen und dann nach dem Reissverschlussprinzip (einer von rechts, einer von links) in die verbleibende Fahrspur einzumünden,» erläutert Frank die Situation, die sich in diesen Sekunden abspielt.
Zehn Minuten später ist die Baustelle passiert und die Ausfahrt Wil naht. Frank hat die Autobahn verlassen und kreuzt auf kleineren und grösseren Strassen durch den Thurgau, lädt seine unterkühlten Waren aus, mal bei einer Alterssiedlung, mal bei einem Restaurant, dann bei einer Spitalküche und einer Tiefkühlzentrale – wo der Camion knappe fünf Minuten vor der Mittagspause eintrifft. Es reicht noch für den Auslad. «Ein Teil der Kunden ist auf die vorgegebenen Ablieferzeiten fixiert und verlangt, dass diese strikt eingehalten werden, andere wiederum nehmen es recht locker,» erläutert Frank und fährt zurück auf die Autobahn. Auf einem Rastplatz hält er erneut an, um die obligate Fahrpause einzulegen. Zeit, das mitgebrachte Sandwich zu essen. Das «Nachmittagprogramm» ist etwas weniger stressig, ein Kunde in Schaffhausen, dann die falsch geladene Ware nach Bachenbülach bringen und in Lupfig, bei einem andern Grossisten, Tiefkühlware laden, die für Altishofen bestimmt ist, wo er etwa um 17 Uhr eintrifft. Unterwegs organisiert Frank mit der Werkstatt, dass das Kühlgerät auf seinem Fahrzeug rasch zu einem Service kommt, tankt den Actros auf und stellt ihn für die nächtliche Beladung bereit.

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