Darum heisst die Tankstelle so
Erdöl als Basis für Treibstoffe wird in der Schweiz keines gefördert. Wie kommt es dann, dass wir so ein dichtes Tankstellennetz haben, wo jederzeit getankt werden kann? CLEVER UNTERWEGS ging dieser Frage nach.
Erdöl ist ein Naturprodukt – mächtige Algenablagerungen, die während Millionen von Jahren durch andere Sedimente überlagert wurden und so Kohlenwasserstoffe bildeten, bauten diese auf. Die grössten Vorkommen liegen im arabischen Raum, aber auch in Russland, den USA, Nordafrika und Norwegen. In die Schweiz kommt das Erdöl einmal durch zwei Pipelines. Eine führt von Marseille bis nach Karlsruhe und liefert das Rohöl auch in der Raffinerie Cressier (NE) ab. Die andere startet in Genua und endet bei der Raffinerie Collombey (VS). Bereits Fertigprodukte (Benzin und Diesel) bringen Tankschiffe auf dem Rhein nach Basel.
Benzin für 240 Tankfüllungen
In der Raffinerie wird das Erdöl zu Diesel- und Heizöl sowie Benzin und anderen Stoffen verarbeitet. Aber wie kommen die Treibstoffe zu den Verbrauchern? Es ist sechs Uhr morgens. Soeben hat Roger Lienhard seinen Sattelschlepper mit Bleifrei 95 beladen und verlässt Cressier in Richtung Bern. Langsam beginnt die Dämmerung – ein schöner Tag kündigt sich an.
Erster Abladeort ist eine Tankstelle in Schönbühl. Roger Lienhard fährt seinen 38-Tönner möglichst nahe heran. Er öffnet den Bodendeckel über dem Tank und schliesst zuerst die Leitung an die Überfüllsicherung an. Dann stellt er die Warndreiecke «Explosionsgefahr» auf und kontrolliert, wie viel Benzin noch im Lagertank vorhanden ist, dann montiert er den Einfüllstutzen. Daran schliesst er den dickeren der beiden langen Schläuche, durch den bald das Benzin fliesst, an. Der dünnere saugt die Benzingase im Tank ab und führt sie in den Lastwagen zurück.
«Eigentlich ist es genau gleich, wie beim Betanken eines Personenwagens, denn bei diesem werden die leichtentzündlichen Benzingase ebenfalls abgesogen und in den Lagertank gepumpt,» sagt er und erklärt: «Nun öffne ich die Schleuse und das Benzin fliesst durch die Schwerkraft von selbst in den Tank.» Fast geräuschlos fliessen rund tausend Liter pro Minute in das im Boden versenkte Reservoir. Nach wenigen Minuten sind ein Drittel der Ladung abgeliefert und Roger beginnt, den Auflieger für die Weiterfahrt vorzubereiten, indem er alles wieder abmontiert und an seinem Platz deponiert. Die 12’000 angelieferten Liter Benzin reichen für rund 240 Fahrzeuge, wenn jedes 50 Liter mitnimmt.
Dreimal länger als eine Limousine
Roger Lienhard hat zuerst das Benzin aus dem hintersten Teil des Fahrzeuges «verkauft»; «das verbessert das Fahrverhalten, denn im rohrförmigen Tank des Aufliegers sind zwei Trennwände eingebaut,» erläutert er.
Dann disloziert Roger Lienhard sein knapp 15 Meter langes Gefährt (fast vier mal länger als ein durchschnittlicher PW) an eine viel befahrene Strasse in der Stadt, wo er auf dem Trottoir anhalten muss. «Wegen einer darunterliegenden Halle, darf das Tankstellengelände nicht mit dem Lastwagen befahren werden,» und meint weiter «da ich nur auf der rechten Seite abladen kann, muss ich einen kleinen Umweg fahren, damit ich auf der richtigen Seite ankomme.» Hier verschwindet das zweite Drittel der Ladung umgehend im Boden – wiederum 12’000 Liter.
CLEVER UNTERWEGS beginnt zu rechnen und kommt auf eine Gesamtladung von 36’000 Liter, aber das Zugfahrzeug und der Auflieger können doch nicht bloss zwei Tonnen wiegen. Roger Lienhard klärt auf: «Benzin hat eine Dichte – diese wird auch als spezifisches Gewicht bezeichnet – von ungefähr 0,75. Das heisst ein Liter wiegt bloss 750 Gramm und ist somit viel leichter als Wasser. Damit macht die Ladung 27 Tonnen aus, der Rest der insgesamt 38 Tonnen steuern der Schlepper und der Auflieger bei, also rund 11 Tonnen.» Alles klar – weiter geht’s.
Enge Kreisel und schmale Strassen
Nun lenkt Roger den auffallenden Haubenschlepper – das Fahrzeug wird so genannt, weil der Motor vor der Kabine liegt und darum eine lange Motorhaube besitzt – auf die Autobahn, denn das nächste Ziel liegt bei einer kleinen Tankstelle in einem Quartier von Bremgarten.
Auf dem Weg dorthin hat es schmale Strassen, so dass zwei Lastwagen bloss im Schritttempo kreuzen können, enge Abbiegungen und kleine Kreisel machen die Aufgabe auch nicht leichter. Trotzdem ist Roger die Ruhe selbst, lässt Fussgängern freundlich den Vortritt und überholt eine Velofahrerin nicht. Am Zielort muss er sein Gefährt wenden. Da kommt ihm die Heckkamera sehr zu Hilfe als er den Auflieger in eine Seitenstrasse stösst. Sein Blick wechselt fliessend zwischen dem Monitor und den Aussenspiegeln, damit er Fussgänger, Fahrradfahrer oder Fahrzeuge sofort sieht, wenn sie in den gefährlichen Bereich geraten. Wiederum verlegt Roger die Schläuche und tippt nach dem Ablad die Menge des gelieferten Benzins in die Automatensäule, «so hat unsere Buchhaltung eine genaue Kontrolle und weiss, welcher Tankstelle das köstliche Nass verrechnet werden muss.» Danach stellt er trocken fest: «Ich dachte, dass hier nicht der ganze Rest reinpasst, doch nun ist mein Tank völlig leer. Wäre jetzt noch ein Restbestand, würde ich diesen in den grossen Tank beim Firmensitz ablassen. Dorthin fahren wir jetzt trotzdem, denn es ist Zeit für eine Arbeitspause und danach fasse ich den nächsten Auftrag – wahrscheinlich geht es dann von Cressier ins Berner Oberland bis nach Innertkirchen.»
CLEVER UNTERWEGS ist neugierig und will noch mehr über den Tankwagen und seinen Chauffeur in Erfahrung bringen.
Bei einem Kaffee kommen wir auf die Anforderungen an einen Lastwagenfahrer zu sprechen und da weiss Roger Lienhard viel zu erzählen: «Damit wir mit dem als Gefahrengut geltenden Benzin oder Diesel fahren dürfen, müssen wir jedes Jahr Weiterbildungskurse belegen. Da werden uns die vielen ADR-Vorschriften (ADR heisst ausgeschrieben: «Accord européen relatif au transport international des marchandises Dangereuses par Route» oder auf Deutsch: Europäisches Übereinkommen über die internationale Beförderung gefährlicher Güter auf der Strasse) dargelegt, die wir zu unserer eigenen Sicherheit, aber auch jener aller andern, strikte einhalten müssen. Daneben gilt es fahraktive Weiterbildungskurse sowie Theoriekurse zu besuchen. Trotzdem macht mir mein Beruf Spass, auch wenn es in den letzten Jahren auf der Strasse immer hektischer geworden ist. Gelegentlich können Personenwagenfahrer nicht verstehen, warum mein Lastenzug nicht gleich wendig ist, wie ein Auto. Trotzdem versuche ich immer die Nerven im Zaum zu halten und höflich zu sein, denn mein Fahrzeug ist ja auch die Visitenkarte der Firma, für die ich tätig sein darf.»

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